Betty Davis
Die First Lady des Funk
Sie war Model, mit Miles Davis verheiratet, jetzt erlebt ihre Musik ein Comeback: Betty Davis
Jeder Mensch hat das Recht darauf, sich ohne Vorankündigung zurückzuziehen. Einfach weg zu sein, von einem Tag auf den anderen, und sich vor niemandem rechtfertigen zu müssen, wohin man geht. Betty Davis, ein phantastisch aussehendes Model aus New York, die vorübergehend mit Miles Davis verheiratet war und eines der größten Talente des Siebziger-Jahre-Funk, beschritt diesen Weg irgendwann im Jahr 1980. Sie verschwand und blieb von da an selbst für Freunde unauffindbar. Tantiemen aus Plattenverkäufen konnten ihr nicht ausbezahlt werden, Interview- und Konzertanfragen liefen ins Leere. Unter ihren Fans kursierten fortan die wildesten Gerüchte; mal war Betty Davis an Drogen gestorben, mal Mitglied einer religiösen Sekte oder Insassin einer Nervenheilanstalt.
Ihr musikalisches Vermächtnis, ein in Vergessenheit geratener Schatz der schwarzen Musikgeschichte, besteht aus nur drei Platten, erschienen zwischen 1973 und 1975, die ihrer Zeit so weit voraus waren, dass ihnen der große Erfolg wohl versagt bleiben musste. Nur Insider und Musikerkollegen scheinen ihren knallharten, sexuell aufgeladenen Funk damals schon zu schätzen gewusst zu haben, der dem Psychedelic Rock eines Jimi Hendrix so viel näher stand als dem hübschen Motown-Sound einer Diana Ross. Zwei dieser Alben, das Debütalbum “Betty Davis” (1973) und sein Nachfolger “They Say I’m Different” (1974), sind jetzt auf CD wiederveröffentlicht worden. Und das Beste daran: Betty Davis selbst hat der Wiederveröffentlichung zugestimmt. John Ballon, der Betreiber der Musik-Website MustHear.com, hat sie nach langer Suche ausfindig gemacht und die heute 61-Jährige dazu bewegt, ihre alten Songs nach über dreißig Jahren der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Also, sie lebt.
Sie wurde 1945 als Betty Mabry in North Carolina geboren und zog mit sechzehn nach New York, um dort Modedesign zu studieren. Schon bald kam sie dort mit der Musikszene in Kontakt, die sich Nacht für Nacht in den Bars und Clubs Manhattans versammelte. Schließlich lernte sie die Produzenten Lou Courtney und Don Costa kennen und nahm 1964 ihre ersten Singles “The Cellar” und “Get Ready for Betty” auf. Auch Jimi Hendrix zählte zu ihren Freunden. Mit ihm wurde ihr ein lange andauerndes Verhältnis nachgesagt, was sie selber aber immer bestritt.
1967 beginnt Betty zu modeln und erhält als eines der ersten dunkelhäutigen Models einen Vertrag bei der bekannten New Yorker Model-Agentur Wilhelmina. In einem Jazzclub begegnet sie zu dieser Zeit dem zwanzig Jahre älteren Miles Davis, den sie angeblich wegen seiner schönen grauen Wildlederstiefel kennenlernen wollte. Sie verlieben sich ineinander, ein Jahr später sind sie verheiratet. Bettys Einfluss auf Miles Davis ist immens. Sie verpasst ihm extravagante Outfits, spielt ihm Platten ihrer Lieblingsbands vor, macht ihn mit Jimi Hendrix und Sly Stone bekannt. Miles Davis widmet ihr seinerseits ein paar Songs und wählt ihr Gesicht als Covermotiv für sein Album “Filles de Kilimanjaro”. Doch ihre Ehe überlebt den ersten Hochzeitstag nicht. Wegen seiner krankhaften Eifersucht auf Jimi Hendrix, vor allem aber wegen seiner Gewalttätigkeit beendet Betty die Beziehung. Auch wenn Miles Davis es in seiner Autobiographie, in der Betty kaum vorkommt, anders darstellt: Seine Entwicklung hin zum Fusion Jazz, zur Verschmelzung von Jazz und Rock, hat er wohl zu großen Teilen Betty Davis zu verdanken. Sie behält dafür seinen Nachnamen.
Nach der Scheidung treibt Betty Davis ihre Karriere als Musikerin voran. Sie lernt Eric Clapton kennen, schreibt Songs für die Commodores (deren Sänger Lionel Ritchie ist) und arbeitet mit Marc Bolan zusammen, dem Sänger der Band T.Rex. Mit ihrem neuen Freund, dem Santana-Schlagzeuger Michael Carabello, stellt sie schließlich 1972 – da ist sie 27 Jahre alt – in San Francisco die perfekte Studioband für ihr erstes Album zusammen, darunter ehemalige Musiker von Sly and the Family Stone und The Greatful Dead. Als Background-Sänger werden die noch unbekannten Pointer Sisters und die spätere Disco-Ikone Sylvester engagiert. Betty Davis schreibt alle Titel und Songtexte selber, die Produktion übernimmt Greg Errico, der Drummer von Sly and the Family Stone. Das Ergebnis: acht Songs, irgendwo zwischen Funk und Rock, mit harten Bässen, singender E-Gitarre, trockenem Schlagzeug und viel E-Piano. Doch es ist vor allem Betty Davis’ Art zu singen, die ihre Musik so außergewöhnlich macht. Von Natur aus nicht mit einer Gospelstimme gesegnet, ringt sie ihren Stimmbändern alles ab, was man sonst damit anstellen kann: sie röchelt, kreischt, schreit, bellt und säuselt in einer Art Sprechgesang, der beinahe an Bob Dylan erinnert, um eine Sekunde später dann doch in einen weniger spröden, bluesdurchhauchten Gesangsstil zu wechseln.
Ihre Texte galten in den Siebzigern als schmutzig, wenn sie auch von nichts anderem erzählen als dem Leben, in dem es nun mal oft auch um Sex geht. Aus Stücken wie “If I’m in Luck I Might Get Picked up” oder “Anti Love Song” spricht eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, die nicht alles mit sich machen lässt und schon gar nicht nach einem One-Night-Stand in eine Depression verfällt. In “Don’t Call Her No Tramp” fordert sie dazu auf, sexuell freizügige Frauen nicht als billige Flittchen, sondern als “elegant hustler”, als elegante Stricherinnen zu bezeichnen. Religiöse Gruppen regen sich auf, sogar die NAACP, eine der großen schwarzen Bürgerrechtsorganisationen, rief aufgrund der “entwürdigenden Darstellung schwarzer Frauen” zum Radioboykott ihrer Songs auf.
Man kann in Betty Davis eine der erste Feministinnen der Black Music sehen. Ein weniger rigide gefasster Feminismus, in dem das Tragen silberner Stiefel, enger Hotpants und durchsichtiger Oberteile keinen Gegensatz zum einzufordernden Anspruch auf Gleichberechtigung und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung darstellt. Eine Position, auf die sich bis in die Gegenwart schwarze Sängerinnen wie Macy Gray, Kelis, Mary J. Blige oder Lauryn Hill beziehen und die in vollkommen entpolitisierter Form sogar den Pussycat Dolls, Rihanna und Beyoncé durch den Kopf schwirrt.
Heute lebt Betty Davis zurückgezogen in der Nähe von Pittsburgh. Nachdem alle ihre Platten unter wirtschaftlichen Aspekten floppten und sie für zwei weitere, bereits fertige Alben keine Plattenfirma finden konnte, beschloss sie 1980 sich aus dem Musikgeschäft zurückziehen. In den wenigen Telefoninterviews, die sie jetzt anlässlich der Wiederveröffentlichung gab, gibt sie nur unwillig Auskunft über ihr Leben: Haben Sie nach Ihrem fünften Album noch einmal irgendetwas aufgenommen? Nein. – Warum nicht? Darum. – Warum nimmt Musik in Ihrem Leben keinen Platz mehr ein? Einfach nur so. – Haben Sie die Musik seitdem vermisst? Nein. – Was haben Sie gemacht, nachdem Sie aufgehört haben, Musik zu machen? Eigentlich nichts.
Eigentlich schade.
[Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.06.2007, Nr. 24 / Seite 34]