Betty Davis

Die First Lady des Funk
Sie war Model, mit Miles Davis verheiratet, jetzt erlebt ihre Musik ein Comeback: Betty Davis

Jeder Mensch hat das Recht darauf, sich ohne Vorankündigung zurückzuziehen. Einfach weg zu sein, von einem Tag auf den anderen, und sich vor niemandem rechtfertigen zu müssen, wohin man geht. Betty Davis, ein phantastisch aussehendes Model aus New York, die vorübergehend mit Miles Davis verheiratet war und eines der größten Talente des Siebziger-Jahre-Funk, beschritt diesen Weg irgendwann im Jahr 1980. Sie verschwand und blieb von da an selbst für Freunde unauffindbar. Tantiemen aus Plattenverkäufen konnten ihr nicht ausbezahlt werden, Interview- und Konzertanfragen liefen ins Leere. Unter ihren Fans kursierten fortan die wildesten Gerüchte; mal war Betty Davis an Drogen gestorben, mal Mitglied einer religiösen Sekte oder Insassin einer Nervenheilanstalt.

Ihr musikalisches Vermächtnis, ein in Vergessenheit geratener Schatz der schwarzen Musikgeschichte, besteht aus nur drei Platten, erschienen zwischen 1973 und 1975, die ihrer Zeit so weit voraus waren, dass ihnen der große Erfolg wohl versagt bleiben musste. Nur Insider und Musikerkollegen scheinen ihren knallharten, sexuell aufgeladenen Funk damals schon zu schätzen gewusst zu haben, der dem Psychedelic Rock eines Jimi Hendrix so viel näher stand als dem hübschen Motown-Sound einer Diana Ross. Zwei dieser Alben, das Debütalbum “Betty Davis” (1973) und sein Nachfolger “They Say I’m Different” (1974), sind jetzt auf CD wiederveröffentlicht worden. Und das Beste daran: Betty Davis selbst hat der Wiederveröffentlichung zugestimmt. John Ballon, der Betreiber der Musik-Website MustHear.com, hat sie nach langer Suche ausfindig gemacht und die heute 61-Jährige dazu bewegt, ihre alten Songs nach über dreißig Jahren der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Also, sie lebt.

Sie wurde 1945 als Betty Mabry in North Carolina geboren und zog mit sechzehn nach New York, um dort Modedesign zu studieren. Schon bald kam sie dort mit der Musikszene in Kontakt, die sich Nacht für Nacht in den Bars und Clubs Manhattans versammelte. Schließlich lernte sie die Produzenten Lou Courtney und Don Costa kennen und nahm 1964 ihre ersten Singles “The Cellar” und “Get Ready for Betty” auf. Auch Jimi Hendrix zählte zu ihren Freunden. Mit ihm wurde ihr ein lange andauerndes Verhältnis nachgesagt, was sie selber aber immer bestritt.

1967 beginnt Betty zu modeln und erhält als eines der ersten dunkelhäutigen Models einen Vertrag bei der bekannten New Yorker Model-Agentur Wilhelmina. In einem Jazzclub begegnet sie zu dieser Zeit dem zwanzig Jahre älteren Miles Davis, den sie angeblich wegen seiner schönen grauen Wildlederstiefel kennenlernen wollte. Sie verlieben sich ineinander, ein Jahr später sind sie verheiratet. Bettys Einfluss auf Miles Davis ist immens. Sie verpasst ihm extravagante Outfits, spielt ihm Platten ihrer Lieblingsbands vor, macht ihn mit Jimi Hendrix und Sly Stone bekannt. Miles Davis widmet ihr seinerseits ein paar Songs und wählt ihr Gesicht als Covermotiv für sein Album “Filles de Kilimanjaro”. Doch ihre Ehe überlebt den ersten Hochzeitstag nicht. Wegen seiner krankhaften Eifersucht auf Jimi Hendrix, vor allem aber wegen seiner Gewalttätigkeit beendet Betty die Beziehung. Auch wenn Miles Davis es in seiner Autobiographie, in der Betty kaum vorkommt, anders darstellt: Seine Entwicklung hin zum Fusion Jazz, zur Verschmelzung von Jazz und Rock, hat er wohl zu großen Teilen Betty Davis zu verdanken. Sie behält dafür seinen Nachnamen.

Nach der Scheidung treibt Betty Davis ihre Karriere als Musikerin voran. Sie lernt Eric Clapton kennen, schreibt Songs für die Commodores (deren Sänger Lionel Ritchie ist) und arbeitet mit Marc Bolan zusammen, dem Sänger der Band T.Rex. Mit ihrem neuen Freund, dem Santana-Schlagzeuger Michael Carabello, stellt sie schließlich 1972 – da ist sie 27 Jahre alt – in San Francisco die perfekte Studioband für ihr erstes Album zusammen, darunter ehemalige Musiker von Sly and the Family Stone und The Greatful Dead. Als Background-Sänger werden die noch unbekannten Pointer Sisters und die spätere Disco-Ikone Sylvester engagiert. Betty Davis schreibt alle Titel und Songtexte selber, die Produktion übernimmt Greg Errico, der Drummer von Sly and the Family Stone. Das Ergebnis: acht Songs, irgendwo zwischen Funk und Rock, mit harten Bässen, singender E-Gitarre, trockenem Schlagzeug und viel E-Piano. Doch es ist vor allem Betty Davis’ Art zu singen, die ihre Musik so außergewöhnlich macht. Von Natur aus nicht mit einer Gospelstimme gesegnet, ringt sie ihren Stimmbändern alles ab, was man sonst damit anstellen kann: sie röchelt, kreischt, schreit, bellt und säuselt in einer Art Sprechgesang, der beinahe an Bob Dylan erinnert, um eine Sekunde später dann doch in einen weniger spröden, bluesdurchhauchten Gesangsstil zu wechseln.

Ihre Texte galten in den Siebzigern als schmutzig, wenn sie auch von nichts anderem erzählen als dem Leben, in dem es nun mal oft auch um Sex geht. Aus Stücken wie “If I’m in Luck I Might Get Picked up” oder “Anti Love Song” spricht eine selbstbewusste, emanzipierte Frau, die nicht alles mit sich machen lässt und schon gar nicht nach einem One-Night-Stand in eine Depression verfällt. In “Don’t Call Her No Tramp” fordert sie dazu auf, sexuell freizügige Frauen nicht als billige Flittchen, sondern als “elegant hustler”, als elegante Stricherinnen zu bezeichnen. Religiöse Gruppen regen sich auf, sogar die NAACP, eine der großen schwarzen Bürgerrechtsorganisationen, rief aufgrund der “entwürdigenden Darstellung schwarzer Frauen” zum Radioboykott ihrer Songs auf.

Man kann in Betty Davis eine der erste Feministinnen der Black Music sehen. Ein weniger rigide gefasster Feminismus, in dem das Tragen silberner Stiefel, enger Hotpants und durchsichtiger Oberteile keinen Gegensatz zum einzufordernden Anspruch auf Gleichberechtigung und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung darstellt. Eine Position, auf die sich bis in die Gegenwart schwarze Sängerinnen wie Macy Gray, Kelis, Mary J. Blige oder Lauryn Hill beziehen und die in vollkommen entpolitisierter Form sogar den Pussycat Dolls, Rihanna und Beyoncé durch den Kopf schwirrt.

Heute lebt Betty Davis zurückgezogen in der Nähe von Pittsburgh. Nachdem alle ihre Platten unter wirtschaftlichen Aspekten floppten und sie für zwei weitere, bereits fertige Alben keine Plattenfirma finden konnte, beschloss sie 1980 sich aus dem Musikgeschäft zurückziehen. In den wenigen Telefoninterviews, die sie jetzt anlässlich der Wiederveröffentlichung gab, gibt sie nur unwillig Auskunft über ihr Leben: Haben Sie nach Ihrem fünften Album noch einmal irgendetwas aufgenommen? Nein. – Warum nicht? Darum. – Warum nimmt Musik in Ihrem Leben keinen Platz mehr ein? Einfach nur so. – Haben Sie die Musik seitdem vermisst? Nein. – Was haben Sie gemacht, nachdem Sie aufgehört haben, Musik zu machen? Eigentlich nichts.

Eigentlich schade.

[Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.06.2007, Nr. 24 / Seite 34]


PeterLicht

Zwischen Trakl und Otto

PeterLicht hat als autarker Mensch mit Prinzipien diverse Dinge für sich und den Rest der Welt festgelegt. Zum Beispiel, dass man seinen Künstlernamen in einem Wort zusammenschreibt, mit einem Großbuchstaben in der Mitte. So wie ProSieben, WickMediNait, KitKat oder ähnliche Mehrwortkonstruktionen, die vor ein paar Jahren von Werbeagenturen der Konsumindustrie aufgeschwatzt wurden. Außerdem soll niemand wissen, nicht einmal Wikipedia, wie PeterLicht im wirklichen Leben heißt, was einen vermutlich auch nicht besonders interessieren würde, wenn ihm nicht so viel daran läge, seinen bürgerlichen Namen geheim zu halten. Meinrad Jungblut, auseinandergeschrieben, heißt er höchstwahrscheinlich auch nicht, obwohl er unter diesem Namen im Jahr 2000 seine erste Platte herausgebracht hat. Weitere Anonymisierungsmaßnahmen im Reglementierkosmos des PeterLicht: keine Fotos, keine Video- und Fernsehaufnahmen, und wenn doch, dann nur von hinten oder mit irgendwelchen Gegenständen vor dem Gesicht. Konzerte wurden bis vor kurzem nur hinter aufgespannten Bettlaken gegeben, und bei seinem Auftritt in der Harald-Schmidt-Show vor zwei Jahren war er nur von Kinn bis Fuß zu sehen.

Man hat also, wenn man sich mit PeterLicht etwas beschäftigt, relativ schnell begriffen, dass ihm wohl an der Undurchdringbarkeit seiner Privatsphäre genauso viel liegt, wie Caroline von Monaco, Thomas Pynchon und Daft Punk zusammen. Aber man wird ja auch als aufstrebender Künstler wohl noch seine Ruhe vor den Medien haben dürfen. Sicher weiß man hingegen, dass PeterLicht in Köln lebt und dort alles Mögliche macht: Vier Alben hat er bis heute aufgenommen, zwei Theaterstücke und zwei Bücher geschrieben, darunter den beeindruckend guten Kurztext “Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends”, mit dem er letztes Jahr beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den Publikumspreis gewonnen hat. Dass er bei der im Fernsehen live übertragenen Lesung natürlich nur von hinten zu sehen war und sich bei der Preisverleihung vertreten ließ, versteht sich von selbst.

“Melancholie und Gesellschaft” heißt PeterLichts neues Album, das, wie er in Interviews betont, wirklich nur zufällig genauso heißt, wie das 1967 verfasste Standardwerk des deutschen Soziologen Wolf Lepenies. Zehn Lieder kann man darauf hören, ein paar davon sind sehr ruhig mit Klavier und Streichern instrumentiert, andere gehen eher in Richtung Gitarren-Poprock deutscher Machart, was manchmal ein bisschen althergebracht klingt. Doch nicht der Sound, sondern die Liedtexte sind es, die PeterLichts Musik auszeichnen und seine Sichtweise auf das Leben, die Menschen oder die Gesellschaft mit oft absurdem Humor und Scharfsinn dokumentieren. “Bitte nie mehr Sexualität zeigen in Zusammenhang mit euren Produkten”, fordert er in seinem Song “Stilberatung/Restsexualität” von allen “lieben Medienschaffenden, Werbeschaffenden und Schuh- und Schläppchenschaffenden”. Ein höflich vorgetragenes Kampflied gegen die sexualisierten Mechanismen der Werbeindustrie, mit der sich PeterLicht besonders gerne beschäftigt.

Im “Trennungslied” werden die sich ständig abspielenden Paartrennungsprozesse in einem aus lauter Klausis, Babsis und Bibsis bestehenden Freundeskreis besungen, was ja eigentlich eine fein beobachtete Songidee ist; aber klamaukige Zeilen wie “Berta trennt sich von Pelle, Berti tritt an die Stelle” verdeutlichen die Gefahr, in die sich PeterLichts Songtexte selten, aber dann doch ab und zu begeben: Der Grat zwischen feinhumoriger Alltagslakonie und reimgeilem Blödelbardentum ist leider sehr schmal. Überzeugender hingegen Stücke wie “Räume räumen”, “Was Du siehst gehört Dir” oder “Marketing”, in denen die literarischen Qualitäten PeterLichts zum Tragen kommen: metaphernreich ausgearbeitete Liedtexte, angesiedelt irgendwo zwischen Georg Trakl, Eckhard Henscheid und Otto (was jetzt positiv gemeint ist), die davon erzählen, wie der Boden mit großen Stahlstangen akupunktiert, der Infrastruktur die Hand aufgelegt oder ein Untergang geplant wird. Das alles muss und soll man vielleicht nicht immer sofort verstehen, aber wer sich auf die absurd-soziologischen Rundumschläge PeterLichts einlässt, wird mit Vorfreude der Melancholie des nahenden Herbstes entgegenblicken.  STEPHAN HERCZEG

[Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.08.2008, Nr. 35 / Seite 27]


Pet Shop Boys

Und sie werden nicht müde
“Yes”! Die Pet Shop Boys haben ihr bestes Album seit langem gemacht

Ist das etwa Wehmut, dieses Gefühl, das sich schon immer in einen hineinschlich, wenn aus den Lautsprechern im Supermarkt einer von tausend Songs der Pet Shop Boys herausrieselte? Oder nur eine nostalgische Verstimmung, die daher rührt, dass man mit fast jedem ihrer nur schwer ignorierbaren Hits der letzten 25 Jahre bestimmte Lebenssituationen verbindet, an die man sich nicht immer gern erinnert? Es könnte sich aber auch um ein abgedunkeltes Gefühl der Freude handeln, seitdem man die raffiniert-dialektische Zusammensetzung des typischen Pet-Shop-Boys-Songs durchschaut hat: Was oft so fröhlich und naiv nach mitklatschbarem Chartspop klingt, wird von abgeklärten Textzeilen untersungen, deren lebensbejeinende Nüchternheit einem beim Mitwippen im Hals steckenbleibt.

Zusammen mit den Pet Shop Boys ist man gealtert und, so wie sie, etwas graumelierter, faltiger und seriöser geworden. Geeignetere Alterungspartner aus der Popwelt kann man sich nicht vorstellen. Wer möchte sich schon mit den ungefähr gleichaltrigen Kunstwesen Michael Jackson oder Madonna identifizieren? Und vielleicht ist es auch die Kombination aus europäischer Bodenständigkeit und englischer Exzentrik, mit der die Pet Shop Boys ihren Weg durch die kurzlebige Welt der Popmusik beschritten, die einem schon immer näher war, als die Aufstiegsfabeln amerikanischer Kinderstars und Serviererinnen.

Dabei liest sich die Erfolgsgeschichte der Pet Shop Boys nicht minder eindrucksvoll: Neil Tennant und Chris Lowe, beide im Norden Englands aufgewachsen, lernen sich 1981 in einem Londoner Elektronikgeschäft beim Kauf eines Kabels kennen, tauschen Telefonnummern aus, verabreden sich und stellen schnell fest, das sie dieselbe Vorliebe für Discomusik und die noch größere Abneigung gegen Rock teilen. Die beste und damals auch schon ausreichende Voraussetzung, um zusammen Musik zu machen und sich bald in die von Human League, Heaven 17 und Depeche Mode dominierte britische Electro-Pop-Liga hochzuspielen. Mit “West End Girls” gelingt 1985 der große Durchbruch, Titel wie “Suburbia”, “It’s a Sin”, “What have I Done to Deserve This”, “Rent” oder “Left to My Own Devices” setzen sich in den nächsten Jahren wie selbstverständlich weltweit an die Spitze der Charts.

Mit fünfzig Millionen verkauften Schallplatten gehören die Pet Shop Boys zu der letzten Generation von Musikern, die noch in den goldenen und internetlosen Boomzeiten der Musikbranche zu Wohlstand und Ruhm gelangten. Wie bei kaum einer anderen Band ist ihr öffentliches Erscheinungsbild – angefangen beim Artwork der Plattencover und Booklets bis hin zu Bandfotos und Bühnenkostümen – einem rigiden, meist sehr puristischen und seit den Anfangsjahren kaum veränderten Masterplan unterworfen, den allein Tennant und Lowe zu verantworten haben (der Bildband “Catalogue”, 2006 bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen, dokumentiert ihr Werk auf sehr schönen 330 Seiten).

Handverlesen auch ihre Auswahl bekannter Fotografen, Regisseure, Architekten und Musiker, die um Mitarbeit am Pet-Shop-Boys-Gesamtprojekt gebeten wurden, das unter anderem Videos von Bruce Weber und Wolfgang Tillmans, Bühnenshows unter der Regie von Derek Jarman, Bühnenaufbauten von Zaha Hadid sowie musikalische Kollaborationen mit Dusty Springfield, Liza Minelli und David Bowie umfasst.

Falls es eine Auszeichnung für belästigungsfreies, ewiges Dasein geben sollte, müsste diese den Pet Shop Boys verliehen werden. Sie waren in den letzten 25 Jahren nie weg, weil sie eben immer da waren, feierten keine Comebacks, mussten sich nie neu erfinden, und auf öffentlichen Toiletten wurden sie weder verhaftet noch bei der Einnahme von Drogen fotografiert. Beständigkeit und Kontinuität sind ihre Hobbys, aber auch der kleine Makel, der ihren letzten Alben “Release” (2002) und “Fundamental” (2006) anhaftete. Keine schlechten Platten zwar, aber etwas unfrisch und zu verfangen im eigenen musikalischen Strickmuster, klangen sie, als ob sich Tennant und Lowe bereits damit abgefunden hätten, nur noch Songs für ihr Alterswerk zu produzieren.

Mit “Yes” hingegen, ihrem neuen und zehnten Studioalbum, ist den Pet Shop Boys ein ganz frisches, nahezu wunderbares Werk gelungen, das unverkennbar nach Pet Shop Boys klingt, ohne sich in der Beliebigkeit früherer Produktionen zu verlieren. “Yes” ist ihre beste Platte seit vielen, vielen Jahren, produziert zusammen mit Brian Higgins, dem Kopf des Girlpop-Produktionsteams Xenomania und ansonsten verantwortlich für die Hits von Girls Aloud, Sophie Ellis-Bextor oder den Sugababes. Mit latent euphorischen Songs wie “Love etc.”, der ersten Singleauskopplung des Albums, oder “Did You See Me Coming” knüpfen Tennant und Lowe ganz mühelos an die Brillanz und Direktheit ihrer ersten Erfolge aus den Achtzigern an. In “All over the World” wird ein Sample aus Tschaikowskys “Nussknacker”-Marsch mit bombastischen Bässen und den für sie typischen “Oh-way-oh-way-oh”-Rufen zu einem halb frenetischen, halb pathetischen Synthesizer-Melodram verschmolzen. Aber auch Titel, die fast ohne Synthesizer auskommen, sind auf “Yes” zu finden. Zusammen mit Johnny Marr, dem Ex-Gitarristen der Smiths, gelingt es den Pet Shop Boys in “Beautiful People”, ganz analog und handgemacht wie ein englischer Sixties-Popsong von Dusty Springfield zu klingen. Insgesamt elf Stücke sind auf “Yes” versammelt, kein einziges davon langweilt oder löst Weghörreflexe aus.

Was die Lyrics betrifft, kann man sich wieder an gewohnt vielen Bonmots und Ratschlägen wie “You don’t have to be beautiful but it helps” oder “You need more than the Gerhard Richter hanging on your wall” erfreuen. Und wie auf all ihren Platten sind vor allem Hymnen und Durchhalteparolen zu hören, gerichtet an die seit einem Vierteljahrhundert nicht alternden Boys und Girls dieser Welt auf der ewigen Suche nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit. Aber auch um Introspektion geht es, um den Blick ins eigene ewigjugendliche Gemüt, dem der Abgleich zwischen Selbstidealisierung und Realität nicht immer im erwünschten Maße gelingen mag. Sehr zeitlose, wahre und ernüchternde Themen, glamourös verpackt in perfekt produzierten Synthie-Pop. Wie schön, dass die Pet Shop Boys nicht müde werden, sich damit zu beschäftigen.

[Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.03.2009, Nr. 12 / Seite 24]


Gael García Bernal

Crush: Gael García Bernal

Wenn Schauspieler-Eltern in der mexikanischen Provinzmetropole Guadalajara ihrem 1978 geborenen Kind schon den bretonischen Vornamen Gael geben, darf man sich über den weiteren Telenovela-Verlauf seiner Biographie nicht wundern. Bereits als Zehnjähriger ist Gael García Bernal an der Seite von Salma Hayek in der Telenovela “Teresa” zu sehen, drei Jahre später wird er mit “El abuelo y yo” zum mexikanischen Kinderstar. Einen Straßenjungen spielt er darin, Vollwaise und vom reichen, hartherzigen Großvater verstoßen. Und es ist anzunehmen, dass er bereits in dieser Rolle das spielen durfte, was er bis heute besonders gut kann: von einer Sekunde auf die nächste aus den höchsten Höhen lebensbejubelnder Latino-Euphorie in die unendlichen Tiefen der traurigsten Depression herabzustürzen und dabei im Sturzflug alle Zuschauer mitzureißen.

Eine gewisse Grundtraurigkeit, das Wissen um das Nichtschöne am Leben, muss García Bernal wohl schon immer in sich tragen, und er nutzt diese kaum an Schauspielschulen erlernbare innere Melancholiehölle in vielen seiner Rollen als ständig schwelenden Gegenpart für konträr angesiedelte Emotionsexzesse, die das ganze Spektrum zwischen herzzerreißender Jungshumorigkeit und paranoidem Komplettausrasten abdecken. Egal, ob García Bernal in der Rolle des Octavio in González Iñárritus “Amores Perros” einen unglücklich in die Frau seines Bruder verliebten Abhänger spielt, der dann plötzlich entdeckt, dass sich sein gemütliches Haustier bestens zum Kampfhund eignet, oder ob er in Gondrys “Science of Sleep” als in Paris gestrandeter, realitätsferner Illustrator Stéphane durch animierte Pappkulissen fliegt, in all seinen Filmen, als Transvestit Zahara in Almodóvars “La Mala Educación” oder als junger Che Guevara in Walter Salles’ “The Motorcycle Diaries”, steht García Bernal dann irgendwann wie ein zu Tode erschrockenes Kind da, mit diesen braunen, tieftraurig-glasigen Augen, die kurz zuvor noch so hell und zuversichtlich leuchteten, als ob er es einfach nicht fassen kann, wie diese Lebensschwere so plötzlich über ihn hereinbrechen konnte.

Seine Karriere treibt García Bernal zielsicher und bis jetzt ganz ohne Hollywood-Ambitionen voran. Ende Mai ist er als mexikanischer Gangster in Jim Jarmuschs Film “The Limits of Control” zu sehen, im Sommer beginnen die Dreharbeiten für die neue Scorsese-Produktion “Silence”, einem Remake des gleichnamigen Films von Mashiro Shinoda aus dem Jahr 1971. Zusammen mit Daniel Day-Lewis und Benicio Del Toro wird García Bernal darin als portugiesischer Jesuitenpriester die japanische Landbevölkerung des 17. Jahrhunderts missionieren. Das hat, wie man weiß, nicht so gut geklappt, aber wer könnte dazu schon trauriger und entsetzter dreinblicken als García Bernal?

[Cargo Film-Magazin, Juni 2009]


Arkkitehti Bag

Über die Arkkitehti Bag von Marimekko

Ist ja schon gut, ich weiß: Alles, was nach Kuriertasche zum Umhängen aussieht –  möglicherweise auch noch quer über der Brust getragen –  wurde schon längst von den Mode-Redakteuren dieser Welt als Total-Don’t auf die Abschussliste der modischen Todsünden manövriert. Zusammen mit Labber-Baumwollschals von American Apparel, Wochenendreisen nach Lissabon und Rucola-Pesto. Angesagt sind seit ein paar Jahren eher schwere Ledertaschen mit kurzen Henkeln, die von der Größe her auch für Wochenendreisen nach Lissabon geeignet wären, am besten von Prada, Gucci oder Louis Vuitton. Der modische Mann trägt sie halb leer, mit nach unten ausgestrecktem Arm, in der rechten Hand; die linke bleibt für die gelegentliche Präsentation von iPhones, Kreditkarten und Frozen-Cappuccino-Bechern frei.

So weit, so bekannt. Zeit zu rebellieren also, denn nicht jeder Mann möchte wie Mary Poppins auf dem Weg zu ihrem nächsten Vorstellungsgespräch aussehen. Hierfür kommt der alte Trick zum Einsatz: Mit Klassikern kann man nichts falsch machen, auch wenn man sie sich umhängen kann. Die Arkkitehti-Bag von Marimekko wurde 1980 in Finnland von Risto-Matti Ratia entworfen, sie ist aus robustem Segeltuch gefertigt und wird zum Glück noch immer hergestellt. Man darf sie auch, obwohl die Tasche so heißt, als Nicht-Architekt benutzen. Innen ist sie sehr geräumig, sogar ein Aktenordner kann problemlos darin transportiert werden. In verschiedenen Außentaschen lässt sich, zur großen Freude von Taschendieben, von der Tageszeitung bis zum Mobiltelefon alles übersichtlich unterbringen. Und wenn einmal in Lissabon Rucola-Pesto über die Tasche tropft, steckt man sie einfach in die Waschmaschine (auf Portugiesisch ‚máquina de lavar roupa’) und wäscht sie. Meine letzte Arkkitehti-Bag hielt zehn Jahre und hatte außerdem noch folgende drei Vorteile: Man kann sie sich umhängen, man kann sie sich umhängen und man kann sie sich umhängen.

[Qvest, #39, November 2009]


BoomBox

Nacht! Leben!
Die beste Party Londons ist vorbei, zum Glück gibt es noch die Fotos

Die Liste der legendären Clubnächte, bei denen man nicht dabei gewesen ist, kann um einen Punkt erweitert werden: Mit einer letzten rauschenden Partynacht schloss an Neujahr die BoomBox, unangefochtener Treffpunkt der britischen Fashion-Szene, für immer ihre Pforten. Eine Ära, die nur achtzehn Monate andauerte, nahm damit ihr Ende und darf in das Buch der Londoner Discogeschichte geschrieben werden; direkt hinter Leigh Bowerys Taboo-Partys der achtziger Jahre, den Kinky-Gerlinky-Clubnights der frühen Neunziger und den exzentrischen Kash-Point-Nächten.

Was der interessierten Nachwelt erhalten bleibt, sind ein kürzlich erschienenes Buch mit den wunderbaren Fotografien des BoomBox-Hausfotografen Alistair Allan, eine von BoomBox-DJ Jerry Bouthier zusammengestellte und gemixte CD namens “Kitsuné BoomBox” sowie eine Reihe begeisterter Postings in den Weblogarchiven sehr junger und gutaussehender Partygänger, die sich zu BoomBox-Zeiten jeden Montag immer gleich lasen: Die gestrige BoomBox-Nacht sei definitiv die beste gewesen, sogar besser als in der Woche zuvor, und nur weil einem Kate Moss im Vorübergehen immer in den Bauch pieksen musste, habe man beinahe verpasst, wie Kylie Minogue auf der Theke tanzte.

Dabei war BoomBox bis zuletzt keine von Prominenten dominierte Party und auch nie als solche angelegt. BoomBox-Veranstalter Richard Mortimer – damals wie heute hauptberuflich als Friseur tätig – ging es im Juni 2006 vielmehr darum, eine Clubnight ins Leben zu rufen, die ihm selber und seinen Freunden gefallen sollte. Gelangweilt vom Londoner Nachtleben in Großraumdiskotheken mit überteuerten Eintritts- und Getränkepreisen, wollte er einmal pro Woche all diejenigen in einem kleinen Club versammelt sehen, die bereits Andy Warhol in den sechziger Jahren als “beautiful people” bezeichnet hatte: eine bunte Mischung aller möglichen Leute unterschiedlicher sozialer Herkunft, Hautfarbe, Prominenz und sexueller Orientierung, die vor allem die Lust an der Verkleidung und die hedonistische Liebe zur Party vereint.

In Hoxton, einem für seine Galerien, Agenturen und Clubs bekannten Stadtteil in Londons East End, konnte Mortimer schließlich den Besitzer der “Hoxton Bar” dazu bewegen, ihm einmal pro Woche die Räumlichkeiten des Lokals für die noch heimatlose BoomBox-Party zu überlassen. Nur der wenig ausgehfreundliche Sonntagabend war zu bekommen, und um ein Uhr, wenn Nächte anderswo erst richtig ins Rollen kommen, musste aus Konzessionsgründen schon wieder Schluss sein. Mortimers Konzept: BoomBox-Start um 20 Uhr, freier Eintritt, moderate Getränkepreise, abwechslungsreiche Musik von Electroclash über Old-School-House bis zu Charthits und vor allem eine sehr strenge Türpolitik mit der eindeutigen Vorgabe “no chavs, no nine-to-fivers” (frei übersetzt: keine Prolls, keine Büroangestellten), streng befolgt und gnadenlos exekutiert von einem gelegentlich in einem Vivienne-Westwood-Brautkleid gewandeten Türsteher namens Jeanette “The Door Bitch”, an dem selbst für nur ansatzweise langweilig gestylte Stammgäste oder Prominente kein Vorbeikommen möglich war.

Innerhalb weniger Wochen entwickelte sich BoomBox zum Talk of the Town und zur aufregendsten Veranstaltung der Stadt, die sich vor allem die jungen Stars der Londoner Modeszene Gareth Pugh, Henry Holland und Giles Deacon zum Treffpunkt auserkoren hatten. Im Schlepptau: Drag Queens, Stylisten, Künstler, Fotografen, Journalisten, Models und andere mehr oder weniger stark geschminkte Menschen, die so was Ähnliches noch werden wollten. Maximal fünfhundert Leute fanden Platz, über tausend warteten an manchen Sonntagen davor, in der oft naiven Hoffnung, doch noch einen Blick auf gelegentlich dort feiernde Celebrities wie Róisín Murphy, Lindsay Lohan und Naomi Campbell werfen zu können oder zu DJ-Sets von Björk, Sam Taylor-Wood oder Wolfgang Tillmans zu tanzen.

Alistair Allan, ein junger Fotograf aus Südafrika und seit 2002 in London ansässig, hat sie alle fotografiert, die Schönen, Bekannten und Unbekannten einer jeden BoomBox-Nacht. Bereitwillig und etwas eitel posierten sie für ihn, denn es galt als besondere Ehre, von Allan abgelichtet zu werden. Nach Partyende wählte er die besten Fotos des Abends zu Hause am Computer aus und lud diese auf seine Homepage dirtydirtydancing.com, wo sich die Look-Competition der Nacht dann digital im Internet fortsetzte.

Eine Auswahl seiner Fotos ist nun in einem von Richard Mortimer im Eigenverlag herausgegebenen Fotobuch abgedruckt, das exklusiv über ein paar Fashion-Shops in London, Paris und Tokio vertrieben wird. “BoomBox” heißt der Bildband, der in einer limitierten Auflage von 1200 Exemplaren erschienen ist. Außer den Porträts von Alistair Allan umfasst das Buch bei den BoomBox-Partys entstandene Fotos der Fotografen Wolfgang Tillmans und Johnnie Shand Kydd sowie der Modedesignerin Katharine Hamnett, die den BoomBox-Kosmos aus einem jeweils anderen Blickwinkel abbilden. Essays von Katie Grand (“Pop Magazine”), Lauren Cochrane (“i-D Magazine”) und eine große BoomBox-Liebeserklärung von Paul Flynn (“Attitude”) versuchen all das in Worte zu fassen, was die Fotos bereits erahnen lassen: der unbedingte Wille eines jeden BoomBox-Besuchers, in ungebändigter Partylaune den Abend zu zelebrieren, als ob es kein Gestern und Morgen gäbe, um dabei als Individuum glücklich in der Masse aufzugehen. Endlich nicht mehr alleine sein. Sich selbst toll finden und alle anderen auch. Das Leben lieben. Einfach nur so. Zumindest jeden Sonntag ein paar Stunden lang.

[ Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.02.2008, Nr. 6 / Seite 24]


Seal

Viel Hall um Nichts
Seal hat ein Album herausgebracht, das ausnahmsweise mal nicht so heißt wie er – aber leider genauso klingt

Erst einmal die gute Nachricht: Seal hat zum zweiten Mal in seinem Leben ein Album herausgebracht, das nicht so heißt wie er. Nach “Seal” (1991), “Seal” (1994), “Human Being” (1998) und “Seal” (2003) ist nun “System” erschienen, Seals neueste Platte, mit der er sich und der Welt gerne beweisen würde, dass er doch noch etwas anderes als Schmusesoul zustande bringt. Also keine verträumten Trostballaden mehr, die von Musikvideos begleitet werden, in denen verzweifelte Menschen in Zeitlupe über die Straße rennen, während Seal im Hintergrund mit ausgebreiteten Armen vor einer Betonwand steht, sondern schnelle, tanzbare Songs, die an seine großen Erfolge wie “Killer” oder “Crazy” anknüpfen sollen. Zurück zu seinen Wurzeln, raus aus dem Mitternachtsradio und rein in die Disco, das ungefähr möchte Seal mit “System” erreichen, wenn man ihn in Interviews so reden hört.

Zu diesem Zweck wurde Starproduzent Stuart Price engagiert, der bereits Madonna mit “Confessions on a Dance Floor” zurück auf die Tanzfläche hievte und nun Seal wieder discotauglich machen soll. Und jetzt die schlechte Nachricht: Seals Back-to-the-Roots-Projekt scheitert leider auf niedrigstem Niveau. Man mag keinen Club besuchen, in dem auch nur eine der neuen Seal-Produktionen aufgelegt werden könnte, es sei denn, man möchte einmal außerhalb einer RTL2-Reportage erleben, wie russische Millionäre in einer Moskauer Großraumdisco ihren fünfzigsten Geburtstag feiern. Wirklich schade um Seal, denn er hätte etwas Besseres verdient, als mit viel Hall um Nichts im Ibiza-House-Musikbrei seines Produzenten unterzugehen.

Dabei zählt Seal eigentlich zu den ganz Großen des Popbusiness. Mit 15 Millionen verkauften Platten gehört er zu den erfolgreichsten Popstars der neunziger Jahre, aber auch zu der letzten Generation von Musikern, die noch allein über Chartsplazierungen und dank MTV zu materiellem Wohlstand gelangte, kurz bevor dann das Internet die Verkaufszahlen der Musikindustrie kleinschrumpfte. 1963 in London geboren, wächst Seal zunächst bei einer Pflegefamilie auf, bis ihn seine Mutter im Alter von fünf Jahren wieder zu sich holt. Seals Jugend verläuft schwierig und ist von familiären Konflikten und gesundheitlichen Problemen geprägt. Erst als Mittzwanziger und nach einem abgeschlossenen Architekturstudium wagt er es, noch immer gegen den Willen seines Vaters, sich ausschließlich der Musik zu widmen. Als Sänger der britischen Funkband Push tourt er lange Zeit durch Asien, nach seiner Rückkehr nach London lernt er den House-Produzenten Adamski kennen. Ihr gemeinsamer Song “Killer”, ein wirklich guter Dance-Track, der später von George Michael gecovert wurde, steht 1990 wochenlang an der Spitze der britischen Charts und wird zum Startpunkt für Seals Karriere.

Zum gefeierten Superstar für vornehmlich weibliche Fans zwischen fünfzehn und fünfzig wird Seal mit Hilfe des englischen Produzenten Trevor Horn, der bereits in den achtziger Jahren Gruppen wie Frankie goes to Hollywood mit “The Power of Love” auf Schmusekurs gebracht hatte. Auf den in den Folgejahren produzierten Bestseller-Alben präsentiert sich Seal vor allem als sensibler, von Weltschmerz geplagter Balladier mit samtig-rauchiger Stimme. “Prayer for the Dying” und “Kiss from a Rose”, der Song zum Filmabspann des Kinoerfolgs “Batman Forever”, machten ihn in Amerika auf einen Schlag berühmt und zum dreifachen Grammy-Preisträger. Danach wird es ruhiger um Seal, er zieht nach Los Angeles, produziert neue Platten mit vorhersehbarer Musik, die sich nicht mehr ganz so gut verkaufen, aber als Megastar und Sexsymbol mit eingeschworener Fangemeinde hat er sich schon längst als feste Größe im Musikgeschäft etabliert.

Durch seine Verbindung mit dem Bergisch-Gladbacher Model Heidi Klum, die rheinischen Frohsinn und kalifornisches Overstatement auf noch nicht dagewesene Weise in sich vereint, gerät Seal in letzter Zeit wieder in die Schlagzeilen der internationalen Klatschpresse. Heidi und Seal sind überall. Wenn sie nicht gerade an einem mexikanischen Strand heiraten, stehen sie zur Oscar-Verleihung auf dem roten Teppich vor dem Kodak Theatre, fahren am Rosenmontag auf einem Karnevalswagen durch Köln oder sitzen in Oprah Winfreys Talkshow-Studio. Nebenbei ziehen sie drei Kinder groß, drehen Werbespots für VW, schenken sich dafür Ferraris und schwärmen für Schwiegermutter Klums Kartoffelsalat. Sie machen alles richtig, was Britney Spears und Kevin Federline falsch gemacht haben, und es kann nur noch Wochen dauern, bis Heidi und Seal die Beckhams als nervigstes Power-Couple der Welt abgelöst haben.

Doch Seal ist glücklich wie nie zuvor in seinem Leben, versichert er sehr glaubhaft in Interviews, und dieses heidibedingte Lebensglück sei als größte Inspirationsquelle in “System” eingeflossen. Schöne Idee, aber leider ändert dies nichts an der Tatsache, dass sich selbst eingängigere Mitklatsch-Titel des Albums wie “Amazing” oder “Loaded” produktionsbedingt wie von Madonna verworfene Songs anhören, nur eben ohne Madonna. Nach halbstündiger House-Zwangsbeschallung und acht Tracks, die alle ungefähr gleich klingen, wünscht man sich aus Verzweiflung dann doch nichts sehnlicher zurück als die guten alten Seal-Balladen. Und dann kommen sie tatsächlich noch: “Rolling” und “Immaculate”, zwei langsame, recht schöne Stücke über die Schwere des Lebens, mit akustischer Gitarre, viel Violine und noch mehr Hall, die zumindest ein paar Minuten lang die Irrelevanz des Albums vergessen machen.

[Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.11.2007, Nr. 46 / Seite 29]


Laura Marling & Soko

Jugend horcht
Talente aus dem Internet, diesmal: neue Folksängerinnen

Allen über Dreißigjährigen, denen in der Silvesternacht Alterspanik und Jugendwahn ins Gesicht stiegen, sei zum Trost in Erinnerung gerufen: Im Leben sehr junger Menschen passiert normalerweise nicht viel, außer gärenden Berufswünschen, schlechter Haut, brodelndem Liebesunglück und gestörter Selbstwahrnehmung. Das möchte man eigentlich nicht noch mal durchmachen. Aber natürlich gibt es gloriose Ausnahmen. Eine heißt Laura Marling; sie ist gerade einmal siebzehn Jahre alt und gilt nicht nur unter ihren 13 771 Myspace-Freunden als Englands jüngstes und größtes Songwriter-Talent.

1990 in der Nähe von Reading in der Grafschaft Berkshire geboren, spielt Marling seit ihrem vierten Lebensjahr Gitarre und hört die Bob-Dylan- und Joni-Mitchell-Platten ihres Vaters, um schließlich als Pubertierende festzustellen, dass sie selber fast genauso gut wie Joni Mitchell singen kann. Was liegt also näher, das ist heute nun mal so, als sich mit sechzehn einen Myspace-Account zuzulegen, ein paar selbstgeschriebene Songs hochzuladen und einfach abzuwarten, was passiert? Es passierte Folgendes, und zwar innerhalb eines Jahres: Weblogs und Musikmagazine werden auf ihre Musik aufmerksam, Londoner Radiostationen spielen ihre Songs, es folgen erste Auftritte in kleinen Clubs und im Fernsehen, und schließlich spielt Laura Marling, zusammen mit ihrer Band, als Vorgruppe bei einigen Konzerten von Jamie T und Rufus Wainwright.

Ihre von Gitarre, Banjo und leisem Schlagzeug begleiteten, melancholischen Folksongs, die bisher nur als Downloads erschienen sind, werden von ihr mit einer solchen Souveränität, Ausdruckskraft und Leichtigkeit vorgetragen, dass man nur schwer glauben mag, eine erst Siebzehnjährige singen zu hören. Marlings gefühlvolle Stimme muss wirklich als besonders schön bezeichnet werden; ihr eher dunkles Timbre kompensiert dabei die manchmal anstrengenden Stimmlagen, die man wohl seit Joan Baez mit “glockenhell” umschreibt. Aber auch ihre Texte, die sie alle selber verfasst, zeugen von erstaunlicher Reife. Um Liebe, Liebeskummer und emotionale Krisen geht es da; ganz ohne Teenagervokabular und Girlie-Augenzwinkern kommt sie dabei aus. Man wird noch viel hören von Laura Marling, so viel steht fest. Virgin Records hat sie vor ein paar Monaten unter Vertrag genommen, ihre erste CD erscheint nächsten Monat.

Jung, schön, talentiert und vor allem durch Myspace bekannt: das trifft auch auf die nur ein paar Jahre ältere Französin SoKo zu, die mit ihrem charmant-trotzigen Folkpop selbst außerhalb Frankreichs für Aufmerksamkeit sorgt. Ihr von Eifersucht und Rachephantasien beflügelter Titel “I’ll Kill Her” hat es im vergangenen Sommer in Dänemark und Australien überraschend an die Spitze der Radiocharts geschafft – obwohl auch dieses Stück nur als MP3-Datei erhältlich ist. Und als bei ihrem ausverkauften Konzert in Kopenhagen dann plötzlich fünfhundert Fans den “I’ll Kill Her”-Refrain auswendig mitsangen, den sie erst ein paar Monate zuvor in ihrem Schlafzimmer geschrieben und aufgenommen hatte, brach sie, von der ganzen Situation total überwältigt, auf der Bühne in Tränen aus.

SoKo heißt eigentlich Stéphanie Sokolinski, kam 1989 in Bordeaux zur Welt und zog als Fünfzehnjährige nach Paris, um dort Schauspielunterricht zu nehmen. In den letzten Jahren war sie in mehreren Fernseh- und Kinofilmen zu sehen, mal sehr französisch als junge Femme fatale, mal sehr unfranzösisch: als rüde Boxerin. Doch ihre große Liebe gilt der Musik, die sie zusammen mit dem Gitarristen Thomas Semence und ihrem Bruder Maxime schreibt und produziert. SoKos plapperiger Gesang ist, im Vergleich zu Laura Marling, nicht so perfekt und voluminös, sondern eher brüchig und etwas spröde, ihre englischsprachigen Texte wirken dafür unbekümmerter und weniger abgeklärt, was in Kombination mit ihrem französischen Akzent (man kommt nicht umhin, ihn als entzückend zu empfinden) den besonderen Charme ihrer Musik ausmacht.

Fast kommt es einem absurd vor, dass ein so handgemachtes und analoges Musikgenre wie das des Folk gerade mit Hilfe der digitalen Verbreitungs- und Vermarktungsmöglichkeiten des Internets populärer und zeitgemäßer denn je zu sein scheint. Vom verschlammten Acker in Woodstock zum brav aufgeräumten Myspace-Account: Um die Zukunft des Folk jedenfalls, in Marlings klassisch-ernster Machart oder SoKos ironisiert-verspielter Form, muss man sich wohl, wie es scheint, im Augenblick keine ernsthaften Sorgen machen.

[Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.01.2008, Nr. 1 / Seite 24]


All-in-one

Etwas missmutig verließ ich den Drogeriemarkt mit einer Großpackung All-in-1 Geschirr-Reiniger-Tabs. Auf der Verpackung konnte man fünf Mal “Für ein rundum perfektes Reinigungsergebnis” lesen und drei Mal das Foto einer jungen Frau sehen, die ein großes Kaffeeglas in ihren Händen hielt, nach rechts aus dem Bild hinauslächelte und eine leergeshoppte Latte-Macchiato-Stimmung ausstrahlte. Außerdem darauf zu sehen: hässliche Farbverläufe von Orange nach Rot nach Hellblau und wieder zurück, ein strahlender Edelstahltopf, ein Weinglas ohne Wasserflecken und ein von Luftblasen umsprudelter gelbweißgrüner Reinigungs-Tab. Gerade als ich mich in die Mittelmäßigkeit des Verpackungsdesigns hineinsteigern wollte und mich schon auf die Lektüre der mehrsprachigen Warnhinweise freute, fuhr ein heruntergekommen aussehender Mann auf einem Fahrrad vorbei und schimpfte auf die Bananenfabrik: Die scheiß Bananenfabrik. Die kapitalistischen Ausbeuter in der Bananenfabrik. Die werden sich noch wundern in der Bananenfabrik. Ich geh da nicht mehr hin, in die Bananenfabrik. Die sollen doch in der Bananenfabrik ihre Bananenkartons selber vollpacken. Und wie es da stinkt in der Bananenfabrik. Nach Bananenscheiße. BA-NA-NEN-SCHEI-SSE. Ich hau denen eine in die Fresse. In die Bananenhackfresse. Die scheiß Ausbeuter in der Bananenfabrik mit ihrer verdammten Bananenscheiße. Ich geh zur Polizei und mach denen den Laden dicht. Dann gibt’s keine Bananenfabrik mehr. Und keine Bananenscheiße. Die Bananenfabrik soll sterben. Die scheiß Bananenfabrik. Die kapitalistischen Ausbeuter in der Bananenfabrik. Die werden sich noch wundern in der Bananenfabrik. Ich geh da nicht mehr hin, in die Bananenfabrik. Die sollen doch ihre Bananenkartons selber vollpacken. Und wie es da stinkt in der Bananenfabrik. Nach BA-NA-NEN-SCHEI-SSE. Dann bog der Mann rechts ab und war nicht mehr zu verstehen, was auch nicht so schlimm war, denn die Hauptpunkte seiner Gesellschaftskritik hatte er mir und einer ebenfalls anwesenden Rentnerin soweit schlüssig dargelegt. Die Kombination aus geistiger Verwirrung plus Fahrrad plus Bananenfabrikproblematik gefiel mir ziemlich gut. Muss einem ja auch erst mal einfallen, so eine fiktionale Bananenfabrik als Projektionsfläche für Lebensunmut, Überdruß und allgemeinen Menschenhass. Mir fällt dazu immer nur der Besuch von Drogeriemärkten ein und das Bestehen auf Kassenbons mit ausgewiesener Mehrwertsteuer. Und die Lektüre von Warnhinweisen auf Geschirr-Reiniger-Tabs-Verpackungen: Bananenscheiße reizt die Augen. Darf nicht in die Hände von Kindern gelangen. Berührung mit den Augen vermeiden. Bei Berührung mit den Augen sofort gründlich mit Wasser ausspülen und Arzt konsultieren. Bei Verschlucken von Bananenscheiße sofort ärztlichen Rat einholen und Verpackung oder Etikett vorzeigen. Enthält Protease. Kann allergische Reaktionen hervorrufen. Restentleerte Packung zum Recycling geben. Größere Produktreste zur Problemstoffsammelstelle geben. Ich umarmte die Rentnerin, stieg auf mein Fahrrad und fuhr davon.

[Neue Probleme #4, September 2009]